Skateboarden ist Selbstbestimmung pur

Tittus Dittmann (71), geboren und aufgewachsen in Kirchen an der Sieg im Westerwald, ist der Pionier der deutschen Skateboard-Szene. 1977 entdeckt er in Münster, kurz vor dem Ende seines Lehramtsstudiums (Sport und Geographie), seine Leidenschaft für das Skateboard, das fortan sein Leben maßgeblich bestimmen sollte. Nach seinem Rückzug aus seinem Unternehmen im Jahr 2009 gründet er die Titus Dittmann Stiftung und unterstützt mit „skate-aid“ Skateboard-Projekte für Kinder und Jugendliche in aller Welt, beispielsweise in Afghanistan, Syrien und Afrika. Im vorigen Jahr hat er das Forschungsprojekt „Skaten statt Ritalin!“ initiiert und mit der Uni Münster durchgeführt. Es soll zeigen, dass das Skateboarden Kindern mit ADHS wirklich hilft. Titus Dittmann ist zudem Buch-Autor, Träger des NRW-Verdienstordens und bezeichnet sich selbst als Anstifter.

Angefangen mit dem Skateboarden haben Sie während Ihrer Studienzeit in Münster. Gab es da Schlüsselmomente?
Oh ja, eine ganze Menge. Ich war Sportstudent und wollte Studienrat werden – was ich ja auch geworden bin. Ich war im letzten Semester, das war so 1977, da habe ich in Münster Skateboarder live gesehen. Es war ja nicht so, dass Skateboarden für mich als Sportstudent ganz unbekannt war. Ich hielt es damals aber für Kinderkram. Deshalb habe ich mich als fast 30-jähriger, angehender und im Examen stehender Lehrer nicht so sehr dafür interessiert.

Und schließlich ist 1977 noch der Tagesschausprecher mit hochwichtiger Mine vor die Kamera getreten und hat dem deutschen Volk verkündet, dass die Bundesregierung darüber nachdenkt, das Skateboardfahren zu verbieten, weil der Trend aus den USA als gefährlich und jugendgefährdend galt. Und da die Medien das Denken der Bevölkerung beeinflussen, habe auch ich damals Skateboarden für eine total unnütze und gefährliche Sache gehalten. Dann habe ich am Aasee das erste Mal Skateboarder livegesehen und diese intrinsische Motivation gespürt. Das Verhalten der Jugendlichen war so, wie ich es nicht gelernt hatte an der Uni.

Pubertierende Rotzlöffel bekamen die Schnauze nicht voll vom Lernen. Sie fielen hin, standen immer wieder auf und versuchten es von vorne. Es gab kein Rumgejammere und auch keine Erwachsenen, die irgendetwas betreuten oder organisierten. Das selbstbestimmte Tun und diese Erfolgserlebnisse haben mich fasziniert. Da habe gespürt, dass das Skateboarden ein tolles pädagogisches Instrument ist.

Heute kann ich das alles besser einordnen: Skateboarden ist Selbstbestimmung pur. Dieses selbstbestimmte Lernen ist eine ganz große Besonderheit. Auch ich hätte nicht diese Entwicklung genommen, wenn ich das Skateboarden nicht so hätte kennenlernen können.

Sie begleiten das Skateboarden seit Jahrzehnten. Wie hat es sich in der Szene verändert?
Gewaltig. Aber das ist normal. Als Skateboarden Ende der 1970er-Jahre in Deutschland registriert wurde, da war es noch Rebellion und das perfekte Mittel für die Kids, ihr eigenes Ding zu haben. Kein Erwachsener kam damit klar. Jedes Kind konnte besser Skateboardfahren als die Alten. Und nichts ist in der Persönlichkeitsentwicklung stärker, als wenn ein Kind etwas besser kann als die Eltern. Und dies in Kombination mit dem selbstbestimmten Lernen.

Skateboarden hat damals deswegen diesen erfolgreichen Weg genommen, weil es die erste bewegungsorientierte Jugendkultur in dieser Größenordnung war. Normalerweise ist so etwas nur in der Musik passiert, dass Jugendkulturen die Gesellschaft verändert haben. Skateboarden ist wie die Musik ein Ausdrucksmittel für Jugendliche geworden und auch geblieben. Klar hat sich auch das Sportliche entwickelt, aber was die Stellung des Skateboardens in unserer Gesellschaft oder die Wirkung des Skateboardens auf die Persönlichkeitsbildung von Jugendlichen angeht,da befinden wir uns in einer Übergangsphase.

In welche Richtung?
Ich vergleiche das mit dem Turnen. Als Turnvater Jahn mit dem Turnen angefangen hat, da stand wie beim Skateboarden eine Gesinnung, ein Wertesystem dahinter.

Und was ist das Turnen heute? Turnen ist Leistungssport und bei Olympia. Turnen hat nichts mehr mit der Gesinnung, nichts mehr mit dem Ausdrucksmittel von früher zu tun, weil die Gesellschaft Turnen adaptiert hat. Das wird auch mit dem Skateboarden passieren, jetzt wo es olympisch wird. Das wird einen Schub geben in die Richtung Skateboard ist ein Sport. Das ist auch in Ordnung, das meine ich ganz wertefrei. Aber deshalb engagiere ich mich umso mehr im jugendkulturellen Bereich und weltweit mit skate-aid, um die Persönlichkeitsbildung von Kindern und Jugendlichen zu unterstützen, weil das Skateboard perfekt diese Selbstwirksamkeit zeigt, wie der Pädagoge sagt. Denn das Skateboarden ist nach wie vor absolut selbstbestimmt.

Das ändert sich allerdings gerade ein wenig. Es gibt immer mehr Skatehallen, es werden Skateboardkurse angeboten und es gibt inzwischen auch schon Skateboardvereine. Langfristig wird die Entwicklung beim Skateboarden genauso enden wie beim Turnen. Wenn alle Skateboarden geil finden, auch die Gesellschaft, dann wird Skateboarden normal. Dann ist das keine Rebellion mehr und nicht mehr als Ausdrucksmittel geeignet für Jugendliche, die ihren eigenen Weg suchen.

In diesem Jahr wird das Skateboarden bei den Olympischen Spielen in Tokio eine olympische Disziplin sein. Fluch oder Segen?
Weder noch. Da bin ich ganz pragmatisch. Ich sage mal: Olympia braucht Skateboarding, aber Skateboarding braucht nicht Olympia.

Sie sind Autorennen gefahren und haben auch andere Extremsportarten wie Drachenfliegen, Windsurfen, Snowboarden oder Fallschirmspringen ausprobiert. Sind Sie ein Adrenalinjunkie?
Im übertragenen Sinne schon. Ich würde aber eher sagen, ich bin ein Dopaminjunkie. Denn Dopamin ist das Glückshormon, das dann ausgeschüttet wird, wenn man sich etwas vornimmt, hart daran arbeitet, es professionell angeht und es am Ende klappt.

Was ist der Reiz an Extremsportarten?
Es ist das geile Gefühl, in einem Grenzbereich die Kontrolle zu haben. Und das ändert sich nicht im Alter. Das Schöne ist, dass im Alter der Grenzbereich näher kommt. Man muss nicht mehr so viel dafür tun, um das schöne Gefühl zu erleben. Da spreche ich aus eigener Erfahrung.

Sie haben einige Generationen von Kindern und Jugendlichen erlebt. Haben sich die Kinder und Jugendlichen verändert?
Wenn wir sagen, die Kinder haben sich verändert, dann muss man klar sagen: Die gesellschaftlichen Ziele haben sich verändert und dadurch haben sich die Kinder verändert. Wenn man die Kinder alleine lassen würde, hätte sich nichts verändert.

Die Kids wären genauso drauf wie früher. Die Entwicklung der Persönlichkeit ist immer ein Ergebnis der Sozialisation. Und was die meisten auch nicht bedenken: Alle meinen, die kindliche Sozialisation bestimmt das ganze Leben bis zum Ende zu 100 Prozent, aber das ist totaler Bullshit. Man wird das ganze Leben lang sozialisiert und entwickelt sich weiter. Und die letzten Phasen der Sozialisation überdecken gewaltig die kindliche Sozialisation, die zwar auch eine Rolle spielt, aber nicht so eine große, wie man sich das immer einredet.

Weitere Infos finden Sie in der aktuellen EXTRAZEIT auf Seite 23.

Welchen Stellenwert hat das Skatenboarden, was ja eine analoge Art der Bewegung ist bei der heutigen Jugend, dieimmer mehr digital unterwegs ist und überall ihr Smartphone dabei hat?
Das Smartphone spielt eine extrem große Rolle. Früher war es das Lernen am Modell, das heißt man hat genau hingeschaut wie einer einen Trick macht. Man hat auch den Kumpel gefragt, wie er das macht. Das ist auch ein Teil des selbstbestimmten Lernens. Und jetzt kommt die Digitalisierung hinzu. Die verändert das nur. Zum Lernen am Realmodell kommen jetzt noch die 20.000 Videos hinzu. Dann sehen sie sich die Sequenz des Tricks in Zeitlupe an und legen dann los. Ich finde, das ist keine Diskrepanz.

Ihr aktuelles Projekt heißt „Skaten statt Ritalin!“, ein Forschungsprojekt, das zeigen soll, dass Skateboarden Kindern mit ADHS hilft.
Ich habe eigentlich genau das erforscht, was ich als Pädagoge in der Praxis sechs Jahre lang erfahren habe. Leider Gottes ist es in der heutigen Gesellschaft so, wenn jemand mit einem Stempel oder einer Bescheinigung kommt, dann ist das plötzlich wichtig. Wenn ich aber aus Erfahrung sage, so und so funktioniert das, dann ist es unglaubwürdig, weil so ein Chaot wie Titus so etwas sagt. Das ist der Grund, warum ich das Forschungsprojekt aufgesetzt habe.

Aber ich will ja noch mehr erreichen. Ich arbeite gerade zum Beispiel am therapeutischen Skateboarden. Ich habe beim Projekt „Skaten statt Ritalin!“ die Erfahrung gemacht, dass einige Elternsagen, hey, ich brauche ja gar kein Ritalin mehr für meine Kinder, weil sie durch das selbstbestimmte Tun beim Skateboarden so viel Selbstwertgefühl aufgebaut haben. In der Schule können die ADHS-Kinder das nicht aufbauen. Dort wird nicht auf Intelligenz geachtet, dort wird nicht der Charakter bewertet oder was einer drauf hat, sondern nur darauf, wer sich am besten anpassen kann.

Sie selbst haben erst im Erwachsenenalter erfahren, dass Sie seit Kindesbeinen ADHS haben. Wie sind Sie damit umgegangen?
Mir war ja eigentlich klar, dass ich anders war als die anderen. Sonst wäre ich in der Schule besser klargekommen. Dann hätte der Lehrer auch nicht gesagt: Wenn aus euch einmal nichts werden soll, dann müsst ihr nur so sein wie der Titus. Damals habe ich mich aber zum Glück richtig verhalten. Ich habe mich um mich selbst gekümmert und hatte das Glück, dass ich mich mit mir selbst beschäftigen und in dieser Zeit mein Selbstbewusstsein aufbauen konnte. Hinzu kam, dass früher die Gesellschaft auch toleranter mit ADHS umgegangen ist. Da war man halt das Unikum vom Dorf. Heute ist man schnell in der Loser-Ecke, weil man wegen ADHS nicht normierbar ist. Das ist sehr gefährlich. Denn je stärker das fremdbestimmte Lernen ist, desto weniger hat das Kind eine Chance, wenn es anders drauf istals die Norm, irgendwie im Leben klarzukommen.

Sie fordern in Ihrem Buch „Lernen muss nicht scheiße sein“, dass Kinder und Jugendliche mehr elternfreie Räume brauchen.
Richtig. Heute steht ein Kind rund um die Uhr, mit Ausnahme des Schlafens, unter der Kontrolle von Erwachsenen. In den 50er-Jahren war für uns mittags der Terror der autoritärern Schule vorbei. Wir wurden dann ohne Betriebsanleitung in den Wald geschickt und waren Zwangsunternehmer. Wir waren kreativ, haben unsorganisert und Spiele erfunden. Und dadurch, dass wir Zwangsunternehmer waren, haben wir automatisch auch Verantwortung für uns selber übernommen.

Die Menschen heute vergessen, dass sich den Kindern dadurch, dass sie sich aufgrund fehlender Freiräume nicht richtig selbstbestimmt entwickeln können, auch das Gefühl für Verantwortung fehlt. Jemand, der nur auf Anweisung von anderen etwas lernt, um anderen zu gefallen, hat nie gelernt, dass ein Mensch auch Verantwortung übernehmen muss. Und das fängt mit der Verantwortung für sich selber an.

Worüber können Sie sich aufregen?
Intoleranz, mangelnde Wertschätzung, mangelnder Respekt – darüber kann ich mich sehr aufregen. Und am meisten über arrogante Menschen, die meinen, so wie sie denken, so muss die ganze Welt denken.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Ich habe lange nachgedacht über Work-Life-Balance und bin zu dem Schluss gekommen, dass das totaler Bullshit ist. Der Mensch muss nicht nach der Work-Life-Balance streben, sondern nach der Balance zwischen selbstbestimmtem und fremdbestimmtem Tun oder nach der Balance, was Spaß macht und was keinen Spaß macht. Und wenn einem die Arbeit Spaß macht, dann ist doch alles gut. Schon Konfizius hat gesagt: Suche dir einen Job, den du liebst und du wirst nie wieder arbeiten. Das ist auch mein Motto.

Wie lange werden Sie noch auf dem Skateboard stehen?
Solange ich das Gefühl noch habe, ich komme mit dem Skateboard klar. Irgendwann bin ich vielleicht ein Pflegefall, dann kann ich es auch nicht ändern, aber bis dahin werde ich rollen, auch wenn es nur samstags und sonntags zum Brötchenholen ist. Und wenn ich auch noch mit 80 oder 85 zum Bäcker rolle, dann werde ich das erhabene Gefühl haben, dass ich was drauf habe, was 99 Prozent der Menschen in dem Alter nicht drauf haben. Das ist doch geil.

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